Agilität und Führung – ein Widerspruch?

ValueMiner GmbH, Robert J. Schiermeier

„Führen ist obsolet!“ – dieser Satz eines Experten im Rahmenprogramm des Worldeconomic Forum in Davos hat mich sehr irritiert. Auf meine Nachfrage, ob er das ernst meint und meine Irritation bemerkend, führte der Experte dem Sinn gemäß nach aus, Intelligente Menschen wissen, was Sie zu tun hätten und bräuchten keinen Controller.

So sehr diese Aussage meiner eigenen Erfahrung auch widerspricht, so engagiert wurde ihm aus einer Runde von CIO´s zugestimmt. Nicht von allen, aber doch in Mehrheit. In der Folge vertiefte ich meinen Austausch mit den Meinungsführern und war erstaunt. Offensichtlich wurde Führung größtenteils als „Weisungsbefugnis“ interpretiert. Aspekte der situativen Führung oder des Alignments waren eher nicht berücksichtigt.

Dabei stelle ich aktuell jeden Tag im Wettbewerb um schlaue Köpfe und bei der Realisierung der notwendigen Innovationen immer mehr fest, dass je kreativer und innovativer der Bereich, desto mehr „Nicht-Weisungs“ Führung braucht es.

Was heißt das konkret?

Ich persönlich versuche täglich diese 5 Punkte zu realisieren:

1. Eher fragen als vorschreiben

„Wer fragt – führt!“ Durch Fragen ohne in Frage zu stellen, werden die notwendigen Anreize gesetzt ohne Kreativität zu erschlagen. Zudem wird vermieden, eine „emotionale“ Position durch zu frühe Meinungsäußerung zu beziehen. Sonst argumentiert man Positionen und erdrückt durch Hierarchie die Diskussion.

2. Räume, schaffen auch gegen Widerstände

Kreativität braucht auch Freiraum. Oft werden gerade die innovativen Leute, von denen es nicht so viele gibt mit Aufgaben überfrachtet. Daher heißt Führen auch zu priorisieren und damit Freiraum zu schaffen. Z.B. Teammeetings fallen oft der täglichen Priorität zum Opfer und so verkümmert der Austausch im Team zur fakultativen Übung. Durch Freiräume wird langfristig die Wichtigkeit für das Team als Grundwert kommuniziert.

3. Ziele transparent machen

Was die Gesprächspartner wohl meinten war, dass durch klare Weisung das Ziel jeder Tätigkeit klar ist. Das hilft zwar, aber reduziert die Teammitglieder zu Empfängern von Anweisungen. Besonders in agilen Situationen werden damit die Weiterleiter von Anweisungen zu „Durchlauferhitzern“. Ziele transparent zu machen hingegen bedeutet, den Grund der Aufgabe zu vermitteln. So behält man die notwendige Agilität und das notwendige Alignment.

4. Menschen erschaffen Lösungen

Offene Diskussion auch von eigenen Herausforderungen wirkt Wunder. So erhält man Input und nutzt die Vorteile eines Teams. Damit schafft man ein Klima der Effektivität indem nicht die Angst vorherrscht etwas nicht zu wissen.

5. Jeder macht Fehler, aber nur einmal

Eigene Fehler zuzugeben wird Ihr Team elektrisieren. Das bedeutet nicht, dass Fehler keine Folgen haben. Es ändert sich nur die Art wie mit Fehler umgegangen wird – nämlich lösungsorientiert und vor allem offen. So wird aus Fehlern nachhaltiges Potential.

Für mich hat sich mit dem oben geführten Gespräch die Überzeugung noch mehr verfestigt, dass vor allem im agilen Umfeld Führung im Sinne von Alignment eher wichtiger als unwichtiger wird.

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von Robert J. Schiermeier